
Philip Kunisch: „Die Natur wartet auf Augen, die sie sehen!“
Article: Philip Kunisch: „Die Natur wartet auf Augen, die sie sehen!“
Philip Kunisch: „Die Natur wartet auf Augen, die sie sehen!“
Interview mit dem Kräuterkundler, Ernährungs- und Gesundheitsberater
„Anders als ihre pflanzlichen Kollegen aus Gewächshaus und Kulturanbau sind Wildpflanzen verschiedenen Stressoren wie Kälte und Hitze, Feuchtigkeit oder Trockenheit, Nährstoffarmut und Fressfeinden ausgesetzt und entwickeln enorme Widerstandskraft in Form von sekundären Pflanzenstoffen – und genau von diesen können wir so sehr profitieren! Wenn wir eine Pflanze in der freien Natur pflücken, weiß sie noch gar nicht, dass sie gepflückt wurde – und gibt all ihre wertvollen Inhaltsstoffe und ihre Lebenskraft an uns weiter.“ Kräuterkundler Philip Kunisch, Autor des Kompakt-Ratgebers „Essbare Heilkräuter und Wildpflanzen“, hält es gerade für uns moderne Menschen für außerordentlich wertvoll, altes Wissen unserer Vorfahren neu zu entdecken, und sieht in unseren heimischen Heil- und Wildpflanzen eine wundervolle Möglichkeit, viel Gutes für unsere Gesundheit zu tun und durch neue Erfahrungsräume unser „teils schnödes und profanes Alltagsleben aus den Angeln zu heben.“
Sie verstehen Ihren Kompakt-Ratgeber „Essbare Heilkräuter und Wildpflanzen“ nicht nur als ein Nachschlagewerk, sondern als Einladung, die Natur neu zu entdecken. Welche Kräfte und welches Wissen müssen wir wiederfinden, um im Einklang mit ihr zu leben?
Philip Kunisch: Erstmal möchte ich mich recht herzlich bedanken für die Möglichkeit, hier meine Meinung kundzutun und einige Gedanken und Werte zu teilen, die mich auf dem Weg zu diesem Buch begleitet haben. Diese Frage lässt sich zwar intellektuell beantworten, doch die wirkliche Antwort muss erfahren werden. Wer kann einem das Gefühl nahebringen, bei einem Sonnenaufgang am Waldrand zu stehen, während die Vögel ihr Morgenlied singen? Es sind energetisierende Kräfte, aufbauende, erfrischende und berührende Kräfte. Es bedarf im Grunde keines außergewöhnlichen Wissens. Die Kunst besteht vielmehr darin, unsere Konzepte und Ideen loszulassen, damit wir all die Geschenke der Natur bewusst erfahren können. Eine innere Haltung der Achtung der Natur gegenüber ist sehr förderlich. In einem Zitat des Künstlers Alfred Bast heißt es sinngemäß: Die Natur wartet auf Augen, die sie sehen. Also: Handy aus, Augen auf, tief durchatmen und ohne ein Ziel oder Zweck einfach in der Natur sein. Das ist die Kunst.
Was früher vor der Haustüre, auf heimischen Wiesen und in Wäldern, wuchs, ist heute kaum noch bekannt oder gar vergessen. Wer hat Sie in die Welt der Heilkräuter und Wildpflanzen eingeführt, und was haben Sie daraus mitgenommen?
Kunisch: Die Pflanzen wachsen heute noch immer auf heimischen Wiesen und in Wäldern, auch wenn wir um die Pflanzen vergessen haben. Der Natur geht es auch ohne uns gut. Nur wir können nicht wirklich gut ohne sie leben! Ich kam zu den Wildkräutern über einen amerikanischen Ayurveda-Arzt namens Dr. Switzer. Er lebt in Deutschland und hat eine Privatklinik am Starnberger See, zumindest war das damals der Fall. Auf Eigeninitiative habe ich mich im Netz schlau gemacht, was eine artgerechte Ernährung alles beinhalten muss, damit es dem Menschen gut geht. So stieß ich unter anderem auf Dr. Switzers Wildkräuter-Bücher, und ein Stein kam ins Rollen. Es folgten einige Kräuterführungen, die ich besuchte, und das stundenlange Durchforsten der Wiesen und Wälder um mein Zuhause herum mit einem Kräuterbuch bewaffnet, um die Pflanzen bestimmen zu können. Das ist inzwischen zwölf Jahre her.
Unter den 68 anschaulichen Pflanzenporträts finden sich viele bekannte Heilmittel und „Evergreens“, aber auch einige nahezu unbekannte Gewächse. Was hat Ihre Auswahl beeinflusst, und welche Pflanzen haben Sie besonders beeindruckt?
Kunisch: Würden Sie einen Phytotherapeuten oder Pflanzenkundigen befragen, welche die 68 gängigsten Heil- und Wildpflanzen unserer Breitengrade sind, so würde er oder sie einen Großteil dieser Pflanzen aufzählen. Im Durchschnitt kennt der moderne Mensch vielleicht fünf bis zehn Wildkräuter. Was jenseits dessen liegt, kommt uns exotisch vor. Es gibt natürlich noch viele Pflanzen mehr, die auch erwähnenswert wären. Die Haupt-Kriterien zur Auswahl der Kräuter bzw. Pflanzen waren zum einen die Stärke ihrer Heilkraft, die Spezifität der Heilwirkung sowie der Verbreitungsgrad, also wie häufig man die Pflanze antrifft.
![]() Sicher haben Sie schon oft vom Beinwell gehört, aber Hand aufs Herz: Würden Sie ihn erkennen, wenn er Ihnen am Wegesrand begegnet? Er wirkt unter anderem entzündungshemmend, schmerzstillend, abschwellend und gewebsregenerierend. Seine Botschaft: „Ich bin der Beinwell – eine Pflanze der Tiefe, der Ausdauer und der Heilung in der Substanz. Meine Kraft liegt nicht im schnellen Wandel, sondern in der stetigen Regeneration. Ich wirke nicht spektakulär, dafür tiefgreifend, in Bereichen, wo andere das Handtuch werfen müssen: in Knochen, Sehnen, Bändern und Gelenken. Meine Blätter sind rau, meine Wurzeln schwarz und zäh, mein Wesen ist erdig. So lebt in mir eine große Kraft – die Kraft, die das Zerstobene wieder zusammenzufügen vermag.“ |
Kräuter und Pflanzen aus der freien Natur enthalten mehr Heil- und Nährstoffe als ihre kultivierten Verwandten. Warum ist das so, und von welchen Inhaltsstoffen kann unsere Gesundheit besonders profitieren?
Kunisch: Das Wunderbare an der Sache ist, dass die Natur uns alle Lebensgesetze lehrt. Sie ist wie ein riesiges Buch voller Weisheiten. So verhält es sich beispielsweise immer so, dass die Natur sich stets den effizientesten Weg sucht. Denn sie ist intelligent und verschwendet keine Energien unnötig. Wenn wir nun Pflanzen kultivieren, sie im Gewächshaus heranziehen, sie düngen, CO2-Begasung, ausreichende Bewässerung usw., dann sind die Pflanzen zwar schnell groß und saftig, doch ihr Immunsystem ist nicht entwickelt – sie brauchen ja auch keins, sie leben ja in Saus und Braus. Eine Pflanze entwickelt ihr ausgereiftes Immunsystem immer erst dann, wenn von außen der entsprechende Impuls dazu kommt. Ohne Stressoren wie Wasser- oder Nährstoffarmut, große Kälte oder starke Hitze, Fressfeinde etc. baut die Pflanze weniger sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe auf. Doch genau diese sind es, von denen wir im Umkehrschluss so sehr profitieren! Die Wildpflanzen sind die tapferen Widerstandskämpfer, während die Pflanzen aus dem Gewächshaus keinem „Männerschnupfen“ trotzen könnten.
Unter den Wildkräutern und Heilpflanzen sind nicht nur willkommene Unterstützer für zahlreiche Beschwerden von Körper und Seele, sondern auch solche Vertreter, die entweder mit giftigen Geschwistern verwechselt werden oder selbst bei zu hoher Dosierung gefährlich sein können. Worauf sollte man bei heimischen Wildpflanzen besonders achten, und wie kann man dieses Wissen erwerben und vertiefen?
Kunisch: Also, zum Erwerben des Wissens könnte beispielsweise der Erwerb dieses Buches beitragen =)! Ein Weiser ist selten vom Himmel gefallen. Wenn wir dieses Wissen haben wollen, dann gilt es, sich weiterzubilden. Ich biete dazu in diesem Jahr auch eine Ausbildung an, für all jene, die tiefer tauchen wollen. Zudem gibt es einzelne Kräuterführungen und Seminare, auf denen das Kräuterwissen mit einfließt. Was die giftigen Vertreter und „falschen Freunde“ in der Natur anbelangt, so kann ich die Gemüter beruhigen, denn es gibt verhältnismäßig wenige Giftpflanzen. Und die meisten lassen sich – anders als bei den Pilzen – sehr gut erkennen und bestimmen. Besonders achten würde ich beim Sammeln vor allem darauf, dass ich nicht direkt neben einem Feld sammle, wo der Landwirt seine Pestizide spritzt. Und der Rest lässt sich schwerlich pauschalisieren. Pflück nur das, was Du sicher erkennst, und lass alles andere einfach stehen.
![]() Während das moderne Leben eine ganze Reihe Störeinflüsse – etwa Strahlungsfelder und Feinstaubbelastung – mit sich bringt, über deren Risiken und Folgen sich Politik und Wissenschaft noch lange nicht einig sind, ist eines unumstritten: Die Natur hat zahlreiche positive Wirkungen auf unsere Gesundheit. „Mein Buch ist vor allem aus einem Grund entstanden“, verrät Philip Kunisch: „uns als ‚kränkelnde‘ Gesellschaft wieder darauf aufmerksam zu machen, was für ein unermesslicher Schatz an Nahrung und Heilkraft uns fast ganzjährig direkt vor unserer Haustüre zur Verfügung steht.“ |
In Ihrem Ratgeber finden sich nicht nur praxisbezogene Informationen und Anleitungen, sondern Wissenswertes zum „Wesen“ der Pflanze aus Brauchtum und Mythologie. Warum sind diese Kenntnisse auch heute noch wertvoll?
Kunisch: Ich möchte vorweg sagen, dass jeder sein Leben genauso leben soll, wie er oder sie möchte. Meiner Beobachtung nach hat der Großteil der Menschen, gerade in den technisch versierten Ländern, sehr stark an Lebensqualität eingebüßt. Und das Problem ist, dass es ihm meistens gar nicht bewusst ist. Der Mensch ist sehr gut darin, sich zu adaptieren und zu vergessen, wer er ist. Also konkret zur Frage: Man könnte natürlich sagen, wir würden diese Kenntnisse heutzutage nicht mehr brauchen. Und wir können offensichtlich ja auch ohne dieses Wissen leben, wenn wir uns umschauen. Doch was wäre, wenn über dieses ursprüngliche Wissen unserer Vorfahren Erfahrungsräume und Gefühlszustände möglich wären, die unser teils schnödes und profanes Alltagsleben aus den Angeln heben können? Ich denke, am meisten profitieren würden wir, wenn wir es schaffen, das Alte und das Neue miteinander zu verbinden. Da ließe sich noch vieles zu sagen, aber ich möchte den Rahmen nicht sprengen. Jeder muss für sich selbst spüren und erkennen, was seine oder ihre Wahrheit ist. Und ich freue mich sehr, wenn ich dabei ein wenig helfen und mit meinem Buch einen inspirierenden Beitrag leisten kann.
Philip KunischEssbare Heilkräuter und Wildpflanzen Naturkraft entdecken: 68 Schätze unserer Wiesen und Wälder Mankau Verlag, 1. Aufl. Februar 2026 Klappenbroschur, farbig, 11,5 × 16,5 cm, 223 S. ISBN 978-3-86374-788-6 14,00 Euro (D) | 14,40 Euro (A) Mehr zum Buch → |













