
Dr. med. dent. Mandy Scheunchen: „Unser Kausystem ist ein Stressventil, das sehr sensibel auf Belastungen reagiert!“
Article: Dr. med. dent. Mandy Scheunchen: „Unser Kausystem ist ein Stressventil, das sehr sensibel auf Belastungen reagiert!“
Dr. med. dent. Mandy Scheunchen: „Unser Kausystem ist ein Stressventil, das sehr sensibel auf Belastungen reagiert!“
Interview mit der Zahnärztin und Expertin für Kiefergelenkschmerzen und Craniomandibuläre Dysfunktion
„Die Ursachen für Kiefergelenkbeschwerden und deren Folgen sind so vielfältig wie unser moderner Alltag. Ich betrachte die Betroffenen nie nur durch die Zahnarzt-Brille, sondern mit ganzheitlichem Blick: Eine Craniomandibuläre Dysfunktion – kurz CMD – fängt selten beim Zahn allein an und hört selten beim Kiefer auf. Daher ist es mir wichtig, nicht nur die Symptome zu deckeln, sondern die echten Ursachen an der Wurzel zu packen und den Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand zu geben.“ Zahnärztin Dr. med. dent. Mandy Scheunchen, Autorin des Kompakt-Ratgebers „Kiefergelenkschmerzen, CMD und Zähneknirschen“, verbindet in ihrer Behandlungspraxis klassische Zahnmedizin und Kieferorthopädie mit Aspekten aus der Physiotherapie, der Schmerztherapie und der Stressbewältigung.
Was ist die Ursache von Kiefer-/Gesichtsschmerzen, Verspannungen, Schwindel oder Tinnitus, und warum treten diese so häufig auf?
Dr. Mandy Scheunchen: Die Ursachen sind so vielfältig wie unser moderner Alltag. Unser Kausystem reagiert sehr sensibel auf Belastungen, und das nicht nur mechanisch. Neben klassischen körperlichen Auslösern wie Zahnfehlstellungen, schlechtsitzendem Zahnersatz oder Haltungsfehlern ist es vor allem unser Lebensstil, der hier Einfluss nimmt. Warum die genannten Probleme so häufig vorkommen? Das Kausystem ist ein Stressventil. Wenn wir unter Strom stehen, „beißen wir uns durch“ oder „beißen die Zähne zusammen“. Dieses nächtliche oder unbewusst tagsüber stattfindende Zähneknirschen und -pressen überlastet die Muskeln und Gelenke. Da das Kiefergelenk eng mit der Halswirbelsäule sowie den Kopf- und Ohrnerven verschaltet ist, strahlt der Schmerz oft aus. Die Folge sind dann nicht nur Zahnschmerzen, sondern auch Nackenverspannungen, Schwindel oder Tinnitus.
Sie haben sich auf CMD spezialisiert. Was versteht man unter dieser Bezeichnung, und was ist das Besondere an Ihrer Behandlungsmethode?
Dr. Mandy Scheunchen: CMD steht für Craniomandibuläre Dysfunktion. Das klingt kompliziert, bedeutet aber nur, dass das Zusammenspiel zwischen dem Schädel (Cranium) und dem Unterkiefer (Mandibula) aus dem Takt geraten ist, also eine Fehlfunktion vorliegt. Das Besondere an meinem Ansatz ist der ganzheitliche Blick. Ich betrachte den Patienten nie nur durch die Zahnarzt-Brille. Eine CMD fängt selten beim Zahn allein an und hört selten beim Kiefer auf. In meiner Behandlung verbinde ich die klassische, präzise Zahnmedizin und Kieferorthopädie mit Aspekten aus der Physiotherapie, der Schmerztherapie und der Stressbewältigung. Mir ist es wichtig, nicht nur die Symptome mit einer Schiene zu deckeln, sondern die echten Ursachen an der Wurzel zu packen. Mein Buch erklärt das Phänomen CMD, zeigt Behandlungswege auf und gibt den Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand.
![]() Buch und Audio-Übungsprogramm in perfektem Zusammenspiel: Scheunchens Kompakt-Ratgeber ist ideal für alle, die ihre Beschwerden und das Phänomen CMD verstehen wollen. Er erklärt die Zusammenhänge und zeigt Behandlungswege auf. Das Audio-Übungsprogramm (als MP3-CD oder Download) ist der praktische Begleiter. Es eignet sich für Menschen, die direkt ins Tun kommen möchten – sei es abends im Bett zum Runterfahren oder um sich durch die geführten Meditationen und Übungen aktiv etwas Gutes zu tun. Beide Werke ergänzen sich perfekt, können aber auch wunderbar unabhängig voneinander genutzt werden. |
Worin bestehen die vielfältigen Aufgaben des Kausystems, und wie kommt es zur Entstehung von Fehlfunktionen?
Dr. Mandy Scheunchen: Wenn wir an das Kausystem denken, fällt uns zuerst das Essen und Kauen ein. Aber es leistet viel mehr – es ist essenziell für das Sprechen, Schlucken und Atmen. Darüber hinaus stabilisiert es über Muskelketten unseren gesamten Kopf und beeinträchtigt die Körperhaltung bis hinunter zu den Füßen. Und es ist unser emotionales Ventil zur Stressverarbeitung. Eine Fehlfunktion entsteht, wenn dieses hochsensible System aus der Balance gerät. Das kann ein schleichender Prozess sein, z.B. durch eine dauerhafte Fehlhaltung am Schreibtisch oder chronischen Stress. Es kann auch akut ausgelöst werden, z.B. durch den Verlust eines Zahnes, ein Trauma oder eine neue Krone, die nur minimal zu hoch ist. Der Körper versucht das lange zu kompensieren, aber irgendwann ist das Fass voll, und die Symptome brechen aus.
Welche Symptome treten bei psychischem/emotionalem Stress auf, und welche Möglichkeiten der Diagnostik stehen zur Verfügung?
Dr. Mandy Scheunchen: Wenn die Seele den Kiefer stresst, sehen wir das oft an typischen Verschleißerscheinungen – abgeschliffene Zahnkanten (Facetten), Risse im Zahnschmelz oder Zahnfleischrückgang durch den enormen Druck. Viele Betroffene wachen morgens mit einem Katergefühl im Gesicht auf, haben Schläfenkopfschmerzen oder eine völlig verhärtete Wangenmuskulatur. In der Diagnostik folgt auf das persönliche Gespräch (Anamnese) die klinische Funktionsanalyse. Bei Bedarf arbeite ich auch mit bildgebenden Verfahren oder ziehe Spezialisten aus der Physiotherapie, Orthopädie oder Osteopathie hinzu, um ein klares Gesamtbild zu bekommen.
![]() Für dauerhafte Besserung: „In meiner Praxis sehe ich täglich, dass Schienen und zahnmedizinische Behandlungen bei CMD zwar kurzfristig wirken, aber für die langfristige Besserung eine Entspannungsroutine für die Muskulatur aufgebaut werden sollte“, erklärt Mandy Scheunchen. Gemeinsam mit Abbas Schirmohammadi hat sie daher Übungen entwickelt, welche die Muskulatur nachhaltig beruhigen und den Stresskreislauf unterbrechen können – „und das auch schon bei Kindern, die in der CMD-Therapie oft übersehen werden, aber sich ebenso durch den Tag beißen müssen wie Erwachsene!“ |
Welche Therapieansätze haben sich als besonders wirksam erwiesen?
Dr. Mandy Scheunchen: Die besten Erfolge erziele ich immer mit einer Kombinationstherapie, die den Körper und die Geistebene gleichermaßen abholt. Auf der körperlichen Ebene ist eine maßgefertigte, präzise Aufbissschiene der erste wichtige Schritt, um das Gelenk zu entlasten und die Zähne zu schützen. Begleitend ist eine spezialisierte Physiotherapie (Manuelle Therapie) Gold wert, um die Verspannungen zu lösen. Langfristig ist anzuraten, dass der Patient lernt, die Überaktivität seiner Muskeln im Alltag selbst wahrzunehmen und herunterzuregeln. Dies kann durch die Integration von Entspannungsverfahren und Biofeedback in den Alltag gelingen. In meinem Buch vermittle ich zahlreiche hilfreiche Übungen, aufschlussreiche Selbsttests und weiterführende Anregungen.
Welche Übungen empfehlen Sie Betroffenen zur Selbstbehandlung, und wann sind kieferorthopädische Maßnahmen erforderlich?
Dr. Mandy Scheunchen: Für die Selbstbehandlung empfehle ich eine gesunde Mischung aus Dehnung, Mobilisation und Entspannung. Hier setzt unser Audio-Übungsprogramm an – es hilft, die Wahrnehmung zu schulen und das Nervensystem herunterzufahren. Sanfte Wärme oder Selbstmassagen der Wangenmuskulatur bewirken oft Wunder. Kieferorthopädische Maßnahmen werden notwendig, wenn festgestellt wird, dass eine strukturelle Fehlstellung der Zähne oder des Kiefers die Hauptursache für CMD ist. Wenn die Zähne einfach nicht harmonisch ineinandergreifen und das Gelenk dadurch gezwungen wird, in einer unnatürlichen Position zu arbeiten, müssen wir die Zahnstellung korrigieren – sei es durch Schienen, Zahnspangen oder prothetische Anpassungen –, um ein stabiles, schmerzfreies Fundament zu schaffen.
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Dr. med. dent. Mandy Scheunchen |
Auch erhältlich:
Dr. med. dent. Mandy Scheunchen / Abbas Schirmohammadi
Kiefergelenkschmerzen, CMD und Zähneknirschen. Das Übungsprogramm
Anleitungen und Meditationen zur gezielten Entspannung der Kiefermuskulatur
Mankau Verlag 1. Auflage Juli 2026
Gesamtlaufzeit ca. 97 Min.
ISBN 978-3-86374-804-3
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