
Dr. Kyra Bobinet: „Als ‚MacGyvers‘ unseres eigenen Verhaltens werden wir immun gegen Misserfolge!“
Artikel: Dr. Kyra Bobinet: „Als ‚MacGyvers‘ unseres eigenen Verhaltens werden wir immun gegen Misserfolge!“
Dr. Kyra Bobinet: „Als ‚MacGyvers‘ unseres eigenen Verhaltens werden wir immun gegen Misserfolge!“
Interview mit der renommierten Neurowissenschaftlerin und Verhaltensforscherin Dr. Kyra Bobinet
„Unsere Habenula fungiert als eine auf das Überleben ausgerichtete ‚Bremse‘ für Verhaltensweisen und wird aktiv, wenn sie etwas als ‚gescheitert‘ wahrnimmt. ‚Scheitern‘ ist jedoch keine Tatsache – es ist eine schädliche Interpretation, die wie eine Giftpille auf die Habenula wirkt und dazu führt, dass wir völlig aufgeben. Das Gegenmittel für die Habenula-Falle ist eine iterative Denkweise: Wenn wir das emotionale Gewicht des Misserfolgs abstreifen und uns die Idee des ‚Herumprobierens‘ zu eigen machen – also unsere Bemühungen als eine Reihe von Experimenten betrachten und nicht als Test, den man besteht oder nicht –, schützen wir unsere Motivation und verhindern, dass der ‚Aufgeben‘-Schalter im Gehirn umgelegt wird.“ Die Neurowissenschaftlerin und Verhaltensforscherin Dr. Kyra Bobinet, Autorin des Ratgebers „Unstoppable Brain“, ist überzeugt, dass das bahnbrechende Wissen um die Habenula unsere Sichtweise auf körperliche und psychische Gesundheit, schädliche Gewohnheiten, beruflichen Erfolg, Beziehungen und vieles mehr verändern wird – „es wird absolut alles verändern!“
Seit mehr als drei Jahrzehnten befassen Sie sich mit Neurowissenschaften, Physiologie, Psychologie und sogar Spiritualität, um Menschen dabei zu unterstützen, ihr Leben und ihr Verhalten zum Besseren zu verändern. Was hat Sie zu Ihrem neuen Buch inspiriert?
Dr. Kyra Bobinet: Was mich inspiriert hat, ist die Bedeutung der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse rund um die Habenula und wie grundlegend dieses Wissen unsere Sichtweise auf Gesundheit, Verhaltensänderungen, schädliche Gewohnheiten, Sucht, psychische Probleme, Beziehungen, beruflichen Erfolg und persönliche Selbstbestimmung verändern wird – es wird absolut alles verändern! Darüber hinaus wollte ich die iterative Denkweise als das wirksamste Mittel beschreiben, das ich je gefunden habe, um mit der Kraft der Habenula umzugehen und sie zu nutzen. Iteration hilft uns, diese Kraft positiv umzulenken, uns von der Selbstsabotage zu befreien, die auftritt, wenn die Habenula ausgelöst wird, und gleichzeitig von ihren Funktionen zu profitieren.
Das bisher kaum bekannte Hirnareal der Habenula steht also im Mittelpunkt von „Unstoppable Brain“. Was hat es sich damit auf sich, und warum hat es das Potenzial zum Game Changer, was die Veränderung menschlichen Verhaltens angeht?
Dr. Kyra Bobinet: Die Habenula ist das zentrale Steuerungssystem des Gehirns für das Verhalten. Sie fungiert als Hauptschalter, der bestimmt, ob wir etwas tun oder nicht, wie wir zu einer Handlung stehen und – was am wichtigsten ist – ob wir weitermachen oder aufhören. Der Begriff „Habenula“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „kleines Zügelchen“. Das ist die perfekte Metapher: Es ist der winzige Zügel am Nasenring eines Kamels, der dieses riesige Tier lenkt. Dieses kleine Hirnareal steuert im Wesentlichen das gewaltige Tier des menschlichen Verhaltens.
Diese Entdeckung ist ein echter Wendepunkt, denn die Veränderung des menschlichen Verhaltens wurde in der Vergangenheit in eine sehr unnatürliche und künstliche Richtung getrieben. Wir haben uns auf leistungsorientierte Werkzeuge und Modelle verlassen, die sich tatsächlich als schädlich erwiesen haben und langfristig sicherlich nicht hilfreich sind. Die Habenula überwacht unsere „Gewinn-Verlust-Bilanz“; sie ist das Anti-Belohnungs-Zentrum des Gehirns. Wenn sie wahrnimmt, dass wir scheitern, löst sie eine physiologische Aufgabe-Reaktion aus. Sie ist das biologische Bremspedal, das unsere Motivation abschaltet und uns dazu bringt, uns in bestimmten Verhaltensweisen süchtig oder in anderen hilflos zu fühlen.
![]() Wir haben das Gefühl, in schlechten Gewohnheiten, Mustern und faulen Kompromissen festzustecken. Wir pendeln zwischen Fortschritten und Rückfällen. Wir wissen, was zu tun wäre, aber es fühlt sich unmöglich an, es auch tatsächlich zu machen – zumindest langfristig. Diese Frustration hat ihren Ursprung oft in der Habenula, die unsere Motivation ausknipst. Aber dafür gibt es ein Gegenmittel ... |
Indem wir uns auf die Habenula konzentrieren, können wir endlich verstehen, warum uns die herkömmliche Willenskraft so oft im Stich lässt. Wenn wir uns starre Ziele setzen und diese zwangsläufig verfehlen, lösen wir ungewollt diesen Hauptschalter aus, der dann unsere Bemühungen untergräbt und uns dazu bringt, aufzugeben. Dieses Verständnis ermöglicht es uns, zu einer iterativen Denkweise überzugehen – dem wirksamsten Mittel, um mit der Macht der Habenula umzugehen. So können wir uns von der Selbstsabotage befreien, die entsteht, wenn wir in einem Kreislauf vermeintlicher Misserfolge gefangen sind. Anstatt gegen unsere Biologie anzukämpfen, können wir lernen, mit dem zentralen Betriebssystem unseres Gehirns zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass wir die Dynamik für eine dauerhafte, gesunde Veränderung aufrechterhalten.
Das sogenannte Scheitern oder Versagen sei Ihren Erkenntnissen zufolge eine bloße Illusion bzw. eine Wahrnehmung des Gehirns. Wie kann es gelingen, diese ursprünglich aus der Evolution stammende Überlebensstrategie so umzuformulieren, dass man weitermacht, anstatt aufzugeben?
Dr. Kyra Bobinet: Wir müssen erkennen, dass die Habenula als eine auf das Überleben ausgerichtete „Bremse“ für Verhaltensweisen fungiert, die sie als nicht lohnend wahrnimmt. „Scheitern“ ist keine Tatsache; es ist eine schädliche Interpretation, die wie eine Giftpille wirkt und dazu führt, dass wir völlig aufgeben. Um dies zu überwinden, können wir Misserfolg als bloße „Datenerhebung“ oder Rückmeldung neu definieren. Er ist lediglich ein Signal dafür, dass wir aus dem „Flow“ geraten sind oder dass ein bestimmter Ansatz nicht funktioniert. Wenn wir das emotionale Gewicht des Misserfolgs abstreifen und ihn als reine Information betrachten, gelangen wir in einen Anpassungsprozess. Diese Verschiebung ermöglicht es uns weiterzumachen, anstatt beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten stehen zu bleiben.
Um aus der Sackgasse des Versagens herauszukommen, empfehlen Sie das sogenannte iterative Mindset. Woher stammt dieses Konzept, und was ist notwendig, um es im privaten und beruflichen Alltag fruchtbar zu machen?
Dr. Kyra Bobinet: Dieses Konzept entstand aus meiner Forschung, in der ich Menschen, die gesundheitliche Veränderungen langfristig erfolgreich beibehalten haben, mit denen verglichen habe, die aufgegeben haben. Die iterative Denkweise war die einzige Strategie, die die erfolgreiche Gruppe gemeinsam hatte. Sie dient als das ultimative Gegenmittel gegen die „Habenula-Falle“. Die Daten aus meiner Forschung zeigen, dass diese Denkweise zu 300 Prozent stärker mit langfristigen Ergebnissen korreliert als jede andere gängige Strategie. Um sie fruchtbar zu machen, müssen wir uns die Idee des „Herumprobierens“ zu eigen machen: Indem wir unsere Bemühungen als eine Reihe von Experimenten betrachten und nicht als Test, den man besteht oder nicht, schützen wir unsere Motivation und verhindern, dass der „Aufgeben“-Schalter im Gehirn umgelegt wird.
![]() Viele Menschen kennen Dr. Mayim Bialik als „Amy“ aus der beliebten Serie „Big Bang Theory“. Was viele nicht wissen: Nicht nur in ihrer Rolle, auch im echten Leben ist Mayim Bialik eine erfolgreiche Neurowissenschaftlerin – und sie ist begeistert von Bobinets Buch: „Für so viele von uns, die sich vielleicht fragen, warum sie emotional, körperlich oder seelisch feststecken – Dr. Bobinets ‚Unstoppable Brain‘ liefert den Schlüssel. Praxisnah, verständlich und wichtig – dieses Buch ist ein echtes Juwel.“ |
Sie kommen an verschiedenen Stellen Ihres Buches immer wieder auf den Serienhelden MacGyver zu sprechen. Warum ist diese Figur so bedeutsam für Ihren Ansatz, und was können wir alle heute noch von ihm lernen?
Dr. Kyra Bobinet: MacGyver ist der ultimative „Meister der Iteration“. Er verkörpert die iterative Denkweise durch drei wesentliche Verhaltensweisen: Er betrachtet einen Rückschlag niemals als endgültiges Scheitern (wodurch er die Wirkung seiner Habenula neutralisiert), er stützt sich auf die durch ständiges Üben erworbene Meisterschaft, und er optimiert unermüdlich seine Umgebung, bis er eine Lösung findet. Er begegnet einer Krise mit Neugier statt mit Verzweiflung. Wir können lernen, dieselbe geniale Haltung gegenüber unseren eigenen Lebenshindernissen einzunehmen. Indem wir zu „MacGyvers“ unseres eigenen Verhaltens werden, lernen wir, mit der Biologie unseres Gehirns zusammenzuarbeiten, um selbst die schwierigsten Herausforderungen zu lösen, anstatt uns von ihnen besiegen zu lassen.
Dr. Kyra BobinetUnstoppable Brain Warum unser Gehirn uns manchmal ausbremst und wie wir das ändern Neue Erkenntnisse der Neurowissenschaft: Der Habenula-Code Mankau Verlag, 1. Auflage Mai 2026 Klappenbroschur, 13,5 × 21,5 cm, 271 Seiten ISBN 978-3-86374-785-5 24,90 Euro (D) | 25,60 Euro (A) Zum Buch → |
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